Disputorium

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Political correctness & D&D

@Archo: ich finde diese Montage nicht so cool. Weil sie über Bande genau das Problem mitbefeuert, daß ich oben anpsrach. Ob absichtlich oder aus Tappsigkeit weiß ich nicht. Ist mißverständlich.

Was sollte man denn machen, als RPG-Konzern, der sich positionieren will?

Ich bin insoweit noch bei Erik: Man kann sich öffentlich klar gegen Rassismus positionieren, in Pressemitteilungen, auf der Homepage, in Aktionen wie Black Lifes Matter-Verkaufsaktionen für einen richtig ausgewählten Zweck. Man kann Demonstrationen unterstützen bzw. zur Unterstützung aufrufen. Man kann an die richtigen Stellen spenden. Man kann so vieles tun... Ein gutes Signal ist es aber nicht, jeder Kritik an Spielen selbst dann höchst vorsorglich Folge zu leiste, wenn man sie als unberechtigt empfindet, aus Angst vor öffentlichem Druck oder um (vermeintliche) Zeichen in einem ganz anderen Bereich zu setzten! Das fordert dann eher Trotz heraus als zu überzeugen. Es sollte ausreichen klarzustellen, dass der von Dritter Seite hergestellte Bezug nicht besteht und auch nicht beabsichtigt ist und man sich von einer Deutung in dem kritisierten Sinne inhaltlich klar distanziert.

Das Problem bei PC gegenüber Monstern ist aus meiner Sicht, dass in aller Regel der unterstellte Bezug zur realen Welt einfach fehlt, mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogen ist. Ich habe in vielen Jahrzehnten Rollenspiel in einem Ork immer nur einen Ork gesehen, keinen Menschen mit irgendeiner Hautfarbe, keinen Osmanen o.ä. Orks leben unter der Erde, haben Infravision/Nachtsicht, meiden das Sonnenlicht, weil es ihnen Schmerzen verursacht, sind ggf. von göttlichen Mächten ins Dunkle gewandelte Elben, was auch immer, aber eben KEINE Menschen, ebensowenig wie ein roter Drache. Insoweit verstehe ich diese Diskussion schlicht nicht. (Anders als die über die Grolme, deren Darstellung mir - aus der Distanz betrachtet und die Beschreibung in der Kritik als korrekt unterstellt - eher problematisch erscheint, mit gleicher Berechtigung aber wohl auch der Ferengi bei DS9.) Und ich denke, vielen anderen geht es genauso, dass man die Argumentationen oft einfach nicht mehr nachvollziehen kann, weil man immer ein ganz anderes Bild der betreffenden Kreatur im Kopf hatte, ohne irgendetwas für Rassismus im realen Leben übrig zu haben. Dann empfindet man die Kritik leicht auch als persönlich diskreditierend, weil man selbst nie gesehen hat, was angeblich offenkundig gewesen sei, und unverändert nicht so empfindet.

Spiele wie auch Erzählungen 'spielen' mit Simplifizierungen und deren gezielte Durchbrechung in Einzelsituationen, das gilt für PnP in besonderem Maße.

Man kann zudem schon zu einem viel früheren Zeitpunkt unterschiedlicher Ansicht sein, ob Spiele, in denen das Thema Gewalt einen eher beiläufigen/unterhaltenden Charakter erhält, generell akzeptabel sind. Das beginnt schon mit der Erbsenpistole (in meiner Kindheit) oder mit Smurf-Waffen (heutzutage) und setzt sich über Brettspiele, Ego-Shooter etc. ständig fort. Diese Bedenken kann ich durchaus verstehen. Und, wenn man die nachteiligen Wirkungen hiervon für hinreichend problematisch hält, sollte man die Finger von solchen Spielen lassen. Sollte man deshalb öffentlichen Druck auf Verlage ausüben, um sie anderen auch unzugänglich zu machen? Da würde ich schon zumindest auf das konkrete Spiel bezogen differenzieren wollen.

In meiner Jugend haben Spieleverlage auf solche grundlegenden Bedenken noch selbstbewusster (eher augenzwinkernd) reagiert, weil sich sich nicht dem Risiko massiver internationaler Anfeindungen im Internet durch die Anhänger einer Meinungsfraktion konfrontiert sahen: Bei RISIKO wurde beispielsweise nicht mehr "erobert", sondern ab irgendeiner Auflage dann "befreit". Das änderte alles .... nicht wirklich ...

Während in/nach meiner Kindheit kritisch hinterfragt wurde, ob es in Ordnung sei, wenn Kinder Cowboy und Indianer spielen oder NATO gegen Warschauer Pakt, werden heute immer neue Felder aufgetan, in denen für die Zwecke eines Spiels simplifizierende Gut/Böse-Schemata genutzt werden. Das wird nach meinem Eindruck nie enden, solange das Spielprinzip "die Bösen" kennt. Denn jede negative Eigenschaft, die man "den Bösen" zuschreibt, wurde in der Geschichte wohl auch schon einmal zu Unrecht mit einer anderen Nation/Religion/Hautfarbe etc. verbunden. Solange man also das Böse nicht gänzlich neu erfindet, wird man immer irgendwelche Parallelen finden können, wenn man nur intensiv genug sucht. Und auch die o.g. Dämonen und Teufel werden irgendwann von irgendjemanden als angeblicher Stellvertreter für irgendeine Religion/Nationalität/Ethnische Gruppe etc. herangezogen werden (z.B. für die Dämonisierung der USA in teilen der muslimischen Welt), die in der Praxis aber wohl kein (zumal europäischer) Spieler jemals darin wiedererkannt hatte.

Das Problem beginnt m.E. oft schon dort, wo eine Fantasy-Welt als Spiegel unserer realen Welt gesehen wird, obwohl sie als solche oft gerade nicht gedacht ist. In einer fantastischen Welt kann es selbstverständlich Rassenunterschiede geben, die es in unserer realen Welt nicht gibt. Wer beanstandet die Vorstellung, dass Zwergen besonders gute Handwerker sind, obwohl man genausogut sagen könnte: Menschen sind (vergleichsweise) ungeschickt? Ich wäre kein Freund davon, wenn bei "Rassenunterschieden" in einem RPG einfach überkommene Voruteile aus unserer realen Welt kopiert würden (wie z.B. bei der Penislänge in 'Wege der Vereinigung'), schon weil das sehr langweilig und vorhersehbar wäre, ein (erbärmlicher) Ausdruck mangelnder Phantasie. Aber davon lösgelöst: Warum sollten die Spieler nicht die Intelligenz besitzen, zwischen so einer Spielwelt und der realen Welt zu differenzieren? Bevormundung kann dann auch als Unterstellung der Unmündigkeit empfunden werden.

Aber auch dort, wo direkte Anknüpfungspunkte zu unserer realen Welt existieren, stößt die Political Correctness sehr schnell an ihre Grenzen. Mir erscheint die allgemeine Diskussion zu diesem Thema oft sehr unvollkommen:

Warum wird es beispielsweise weitgehend toleriert, dass Wehrmachtssoldaten in Achtung Cthulhu grundsätzlich für das Böse stehen? Das Regelsystem hat die theoretische Ausnahme von der Regel als Feigenblatt eingebaut. Aber der Realität von in die Wehrmacht (ggf. gegen ihren Willen) gezogenen Schülern etc. wird das kaum gerecht. Es ist richtig, dass die Wehrmacht Verbrechen begangen hat, aber nicht jeder Wehrmachtssoldat war ein überzeugter Vertreter eines kosmischen Grauens. Natürlich ist die Ideologie der NSDAP böse; aber waren es auch alle Deutschen? Ich mag Achtung Cthulhu überhaupt nicht, weil es mir vor einem historischen Hintergrund zu simplifzierend ist, im Ergebnis das damalige Unrecht zumindest auch mit übermenschlichen Wesen in Verbindung bringt und damit die menschliche Verantwortung relativiert. Der Dimension des Unrechts dieser Zeit wird das meines Erachtens nicht ansatzweise gerecht. Mein persönlicher Eindruck. Aber ich würde dieses RPG anderen nicht verbieten wollen oder den Verlag (respektive einem deutschen Übersetzter, der es besser wissen müsste) zu 'unverzichtbaren Änderungen' auffordern. Mich irritiert, dass diejenigen, die mit dem Finger auf Monster wie Orks zeigen, nicht noch massiver gegen dieses Achtung Cthulhu vorgehen, denn ich persönlich sehe bei Achtung Cthulhu eine sehr ernsthafte, ggf. tatsächlich individuell verletzend wirkende Problematik.

Wie sieht es mit John Carter of Mars aus? Wenn man die Romane liest, so werden - jedenfalls in der mir vorliegenden Übersetzung - die Tharks von Edgar Rice Burroughs ausdrücklich als Menschen anderer Hautfarbe und Größe beschrieben. Das Volk dieser olivgrünen Menschen hat in seiner Geschichte die Fähigkeit zur Empathie verloren, anders als die "Roten Menschen". Die Tharks sind grausam, von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht zum Mitleid fähig und lachen über den Schmerz anderer; Mord ist das Mittel sozialen Aufstiegs. Hat Edgar postum einfach nur Glück, dass er - obwohl er sie trotzdem als Menschen tituliert - seinen Tharks ein weiteres Paar Arme gegeben und ihnen eine grüne, nicht eine braune Hautfarbe gegeben hat? Wenn man nur intensiv danach sucht, kann man in den Tharks sicher leicht eine Parallele zu irgendwelchen Erdenbewohnern ziehen, wie die roten Menschen des Mars offensichtlich den europäischen Erdenbewohnern mit christlichem Menschenbild nachgebildet sind. Darf all dies nicht mehr sein? Welche Grenzen darf man der Phantasie auferlegen, bis nur noch Realismus und Sachbücher übrigbleiben?

Auf mich wirken die Angriffsflächen oft recht willkürlich gewählt, was das eigentliche, ohne Frage unterstützenswerte Ziel (reale Diskriminierung bekämpfen) in meinen Augen mitunter eher entwertet oder bagatellisiet als ihm zu nützen.

Zur Frage, warum es D&D und nicht Achtung, Cthulhu! trifft:

Vermutlich, weil die Leute, die sich an D&D in diesem Zusammenhang stoßen, AC! überhaupt nicht kennen.

Ich teile da im Wesentlichen tassanders Lesart: WotC versucht sich zu positionieren/schadlos zu halten.

"If people seem slightly stupid, they’re probably just stupid. But if they seem colossally and inexplicably stupid, you probably differ in some kind of basic assumption so fundamental that you didn’t realize you were assuming it, and should poke at the issue until you figure it out." - Scott Alexander

Das ist richtig, ja. Sie versuchen, mit minimalem Aufwand möglichst gut bei ihrem Publikum dazustehen. Als Firma ist das wohl auch pragmatisch die beste Lösung. Im Grunde tun sie das ,was ihre Kundschaft auch tut. Sich in sozialen Medien gut darstellen, ohne das viel dahinter ist.

Zitat von ErikErikson am 23. Juni 2020, 13:45 Uhr

Das ist richtig, ja. Sie versuchen, mit minimalem Aufwand möglichst gut bei ihrem Publikum dazustehen. Als Firma ist das wohl auch pragmatisch die beste Lösung. Im Grunde tun sie das ,was ihre Kundschaft auch tut. Sich in sozialen Medien gut darstellen, ohne das viel dahinter ist.

Wobei mein Eindruck bei WotC ist, dass jene, die häufig ihr Gesicht zeigen (Perkins, Crawford et al.) durchaus glaubhaft auftreten und bei ihren Autor.innen wohl durchaus "diversity" leben (was auch immer mensch davon halten will).

"If people seem slightly stupid, they’re probably just stupid. But if they seem colossally and inexplicably stupid, you probably differ in some kind of basic assumption so fundamental that you didn’t realize you were assuming it, and should poke at the issue until you figure it out." - Scott Alexander

Ich kenn die Leute null. Was meinst du denn damit, dass sie diversity leben?

Nach genauer überlegung muss ich auch zugeben, das ich eigentlich nicht wirklich weiss ,was diversity eigentlich bedeutet.

Zitat von ErikErikson am 23. Juni 2020, 14:21 Uhr

Ich kenn die Leute null. Was meinst du denn damit, dass sie diversity leben?

Nach genauer überlegung muss ich auch zugeben, das ich eigentlich nicht wirklich weiss ,was diversity eigentlich bedeutet.

In dem Fall meine ich, dass sie wohl bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter und Kollaborateure versuchen Menschen mit unterschiedlichen (ethnischen, kulturellen, sexuellen etc.) Hintergründen einzustellen.

"If people seem slightly stupid, they’re probably just stupid. But if they seem colossally and inexplicably stupid, you probably differ in some kind of basic assumption so fundamental that you didn’t realize you were assuming it, and should poke at the issue until you figure it out." - Scott Alexander

Ok. Dann sind sie zumindest glaubhaft. Jetzt stellt sich mir aber doch irgendwie die frage: Dazu musst du ja nun die sexuelle Orientierung der Mitarbeiter kennen. Wie ist das möglich?

Zitat von ErikErikson am 23. Juni 2020, 14:31 Uhr

Ok. Dann sind sie zumindest glaubhaft.

Zumindest soweit ich das mitkriege/mitbekommen habe.

"If people seem slightly stupid, they’re probably just stupid. But if they seem colossally and inexplicably stupid, you probably differ in some kind of basic assumption so fundamental that you didn’t realize you were assuming it, and should poke at the issue until you figure it out." - Scott Alexander
Zitat von ErikErikson am 23. Juni 2020, 14:31 Uhr

Jetzt stellt sich mir aber doch irgendwie die frage: Dazu musst du ja nun die sexuelle Orientierung der Mitarbeiter kennen. Wie ist das möglich?

Da sexuelle Orientierung oder Selbstwahrnehmung bestimmter Geschlechterrollen oder dergleichen heutzutage ein WESENTLICHES Einstellungskriterium ist, werden das die betreffenden Leute schon wie eine Flagge vor sich her tragen.

Es kommt, so mein Eindruck nicht nur aus dem Rollenspielbereich, nicht so sehr darauf an, daß der betreffende potentielle Mitarbeiter wirklich etwas kann, sondern daß er "vom richtigen Typ ist".

Eine Einstellungspraxis, die insbesondere den beiden großen Comic-Verlagen in den USA in ihrer zentralen Comic-Sparte geradezu das Genick gebrochen hat.